Strafverfahren in Österreich: Zeugenladung, Rechte von Beschuldigten und Diversion

Aktualisiert: 2026-10-26
Strafverfahren in Österreich: Zeugenladung, Rechte von Beschuldigten und Diversion

In ein österreichisches Strafverfahren kann man als Zeuge, Beschuldigter oder Opfer eingebunden sein. Dieser Überblick zeigt den Stand 2026: Welche Pflichten bestehen, welche Rechte haben Beschuldigte und was bedeutet ein Angebot zur Diversion?

Wie läuft ein Strafverfahren ab?

Ein Strafverfahren beginnt, wenn die Kriminalpolizei oder die Staatsanwaltschaft von einer vermuteten Straftat erfährt. Das kann durch eine Anzeige oder durch eigene Wahrnehmung geschehen.

Das Verfahren besteht grundsätzlich aus zwei Abschnitten:

  1. Ermittlungsverfahren: Die Staatsanwaltschaft leitet die Ermittlungen. Am Ende entscheidet sie, ob Anklage erhoben, das Verfahren eingestellt oder eine Diversion angeboten wird.
  2. Hauptverfahren: Nach der Anklage führt das Gericht das Verfahren. Am Ende der Hauptverhandlung steht ein Urteil.

In bestimmten Fällen kann das Gericht auch ohne Verhandlung mit einer schriftlichen Strafverfügung eine Strafe verhängen. Dagegen kann innerhalb von vier Wochen ab Zustellung schriftlich Einspruch erhoben werden.

Verdächtiger, Beschuldigter und Angeklagter

Die Bezeichnung hängt vom jeweiligen Verfahrensstadium ab:

Welche Rechte haben Beschuldigte?

Was gilt bei einer Festnahme?

Bei einer Festnahme müssen die Gründe des Verdachts mitgeteilt werden. Außerdem besteht das Recht, zu telefonieren und eine andere Person zu verständigen. Ein Protokoll sollte nur unterschrieben werden, wenn alle Angaben darin stimmen. Korrekturen können verlangt werden.

Wann ist ein Verteidiger notwendig?

In bestimmten Situationen ist eine notwendige Verteidigung vorgeschrieben, zum Beispiel während der Untersuchungshaft oder bei einer Verhandlung vor einem Geschworenengericht oder Schöffengericht.

Wer die Kosten nicht bezahlen kann, kann im Rahmen der Verfahrenshilfe eine Verfahrenshilfeverteidigung beantragen.

Bei einem Freispruch beteiligt sich der Staat auf Antrag an den Kosten eines gewählten Verteidigers. Die Höchstbeträge sind:

Diese Beträge liegen in der Regel unter den tatsächlich anfallenden Anwaltskosten.

Zeugenladung: Welche Pflichten bestehen?

Wer von einem Gericht, der Staatsanwaltschaft oder der Polizei als Zeuge geladen wird, muss erscheinen und wahrheitsgemäß aussagen. Falsche Zeugenaussage ist eine Straftat. Dazu zählt auch das vorsätzliche Verschweigen wesentlicher Tatsachen.

Wer verhindert ist, etwa wegen Krankheit oder eines Unfalls, muss dies rechtzeitig dem Gericht mitteilen. Als entschuldigt gilt das Fernbleiben erst, wenn das Gericht den Grund anerkannt hat. Arbeit wird normalerweise nicht als ausreichender Grund akzeptiert.

Wann darf ein Zeuge die Aussage verweigern?

Eine Aussage muss nicht gemacht werden, wenn sie ein nahes Familienmitglied in einem Strafverfahren belasten würde. Dazu zählen Ehepartner, eingetragene Partner, Kinder, Geschwister und Enkelkinder. Eine Aussage darf auch verweigert werden, wenn man sich selbst oder einen Angehörigen belasten würde.

Wichtig: Auch bei einem Aussageverweigerungsrecht muss man zur Ladung erscheinen.

Zeugen können den Ersatz ihrer Fahrtkosten und eine Zeugengebühr verlangen. Dafür muss der Richter die Anwesenheit auf der Ladung bestätigen. Außerdem kann beantragt werden, dass die Wohnadresse nicht in den Akten aufscheint.

Was bedeutet Diversion?

Eine Diversion ermöglicht es der Staatsanwaltschaft oder dem Gericht, bei geklärtem Sachverhalt auf ein formelles Strafverfahren zu verzichten. Im Gegenzug muss die betroffene Person eine bestimmte Maßnahme übernehmen, zum Beispiel:

Voraussetzungen und Folgen

Zu den Voraussetzungen gehört unter anderem, dass die Straftat höchstens mit fünf Jahren Freiheitsstrafe bedroht ist. Bei Sexualstraftaten gilt grundsätzlich eine Grenze von höchstens drei Jahren; für Personen unter 21 Jahren gilt diese Grenze nicht. Außerdem darf der Tod eines Menschen nicht verursacht worden sein und es darf keine schwere Schuld vorliegen.

Ein ausdrückliches Geständnis ist nicht erforderlich. Die betroffene Person muss jedoch zumindest teilweise Verantwortung für die Tat übernehmen.

Eine Diversion beendet das Verfahren ohne Urteil. Man gilt dadurch formell nicht als vorbestraft, und der Eintrag kommt nicht ins Strafregister. In einem internen Register der Justiz bleibt die Diversion jedoch zehn Jahre sichtbar.

Die Annahme einer Diversion bedeutet, Verantwortung für die Tat zu übernehmen. In manchen Fällen kann es günstiger sein, sie abzulehnen. Diese Entscheidung sollte mit einem Rechtsanwalt besprochen werden. Werden die vereinbarten Bedingungen nicht erfüllt, kann das Verfahren fortgesetzt werden.

Bis wann kann Diversion angeboten werden?

Bis zur Anklage kann die Staatsanwaltschaft eine Diversion anbieten. Danach ist dies bis zum Ende der Hauptverhandlung durch das Gericht möglich. Die betroffene Person kann eine Diversion auch selbst anregen.

Häufige Fragen

Was passiert, wenn ich nicht zu einer Zeugenladung erscheine?

Es kann eine Ordnungsstrafe von bis zu 1.000 Euro verhängt werden. Außerdem kann eine polizeiliche Vorführung angeordnet werden. Auch die durch das Fernbleiben entstandenen Kosten können vorgeschrieben werden.

Wohin kann ich mich bei einer Festnahme wenden?

Der Rechtsanwaltliche Bereitschaftsdienst ist rund um die Uhr kostenlos unter 0800 376 386 erreichbar. Der erste Anruf und die erste telefonische Beratung sind kostenlos. Weitere Leistungen sind grundsätzlich kostenpflichtig.

Praktische Schritte

  1. Prüfe jede Ladung genau und notiere Ort, Zeit und deine Rolle im Verfahren.
  2. Erscheine zu einer Zeugen- oder Beschuldigtenladung. Wenn du verhindert bist, verständige die zuständige Stelle unverzüglich und begründe die Verhinderung.
  3. Als Beschuldigter musst du dich nicht selbst belasten. Überlege vor einer Aussage, ob du einen Rechtsanwalt beiziehen möchtest.
  4. Unterschreibe ein Protokoll erst, nachdem du es vollständig gelesen und Korrekturen verlangt hast, falls Angaben nicht stimmen.
  5. Wenn eine Diversion angeboten wird, kläre die Folgen und die Bedingungen vor der Annahme mit einem Rechtsanwalt.
  6. Bei einer Festnahme kannst du den Rechtsanwaltlichen Bereitschaftsdienst unter 0800 376 386 kontaktieren.

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung. Für eine auf den Einzelfall bezogene Einschätzung solltest du dich an einen Rechtsanwalt oder eine andere qualifizierte Rechtsberatung wenden.

Ähnliche Ratgeber

Alltag

Telefon, Internet, Kabel und Parkbewilligung in der neuen Wohnung

Beim Umzug müssen Telefon, Internet und Kabelanschluss rechtzeitig übertragen oder gekündigt werden. Auch ORF-Beitrag, Parkbewilligung und Fahrzeugpapiere können betroffen sein.

Alltag

Mit Haustieren nach Österreich ziehen: Das gilt 2026

Wer mit Hund, Katze oder Frettchen nach Österreich zieht, muss einige Formalitäten beachten. Hier finden Sie die wichtigsten Regeln für 2026 im Überblick.

Alltag

Österreichische Feiertage und Schulferien 2025

Hier finden Sie die österreichischen Feiertage 2025 sowie die Termine der Semesterferien, Osterferien und Pfingstferien nach Bundesland.

Alltag

Die Geschichte und Bedeutung der österreichischen Flagge

Die rot-weiß-rote Flagge Österreichs ist eng mit der Geschichte der Babenberger und Habsburger verbunden. Ihre erste dokumentierte Verwendung reicht bis ins Jahr 1230 zurück.